Eine Kardinalpflicht ist in der D&O-Versicherung eine elementare Pflicht der Geschäftsleitung, etwa die Insolvenzantragspflicht, deren Kenntnis bei jedem Organ vorausgesetzt wird. Ihre Verletzung kann nach der Rechtsprechung ein Indiz für eine wissentliche Pflichtverletzung sein, aber nur für genau diese Pflicht.
Der Begriff hat zwei Bedeutungen. Im Vertragsrecht bezeichnet er wesentliche Vertragspflichten, deren Verletzung den Vertragszweck gefährdet. Allgemeine Geschäftsbedingungen dürfen die Haftung dafür nicht beliebig einschränken (§ 307 Abs. 2 Nr. 2 BGB). Hier geht es um die andere, versicherungsrechtliche Bedeutung. Sie spielt beim Ausschluss für wissentliche Pflichtverletzungen eine Rolle.
Will sich der D&O-Versicherer auf diesen Ausschluss berufen, muss er beweisen, dass das Organ seine Pflicht kannte und bewusst verletzt hat. Das ist schwer, weil es um innere Tatsachen geht. Oberlandesgerichte haben deshalb anerkannt, dass bei bestimmten Pflichten eine Erleichterung gilt. Kennt jeder Geschäftsleiter eine Pflicht, etwa die Pflicht, bei Insolvenzreife rechtzeitig einen Antrag zu stellen oder Lohnsteuer und Arbeitnehmeranteile zur Sozialversicherung abzuführen, spricht ihre Verletzung für eine bewusste Pflichtverletzung. Das Organ muss dann Umstände darlegen, die dagegensprechen.
Einzelne Oberlandesgerichte haben diese Argumentation weit ausgedehnt. Das OLG Frankfurt schloss aus der verspäteten Insolvenzantragstellung auf eine wissentliche Verletzung des Zahlungsverbots nach Insolvenzreife (OLG Frankfurt, Urteil vom 05.03.2025, Az. 7 U 134/23). Der Bundesgerichtshof hat dieses Urteil aufgehoben (BGH, Urteil vom 19.11.2025, Az. IV ZR 66/25). Seine Kernaussagen:
Unter welchen Voraussetzungen eine Pflicht überhaupt eine Kardinalpflicht ist, hat der Bundesgerichtshof offengelassen. Der Streit wird deshalb weiter im Deckungsprozess ausgetragen.
Abgrenzung:
Synonyme: Elementare Geschäftsleiterpflicht, Grundpflicht der Geschäftsleitung.
Gehen Sie davon aus, dass Gerichte Ihre Kenntnis der Insolvenzantragspflicht und der Abführungspflichten voraussetzen. Dokumentieren Sie in der Krise, wie Sie die Zahlungsfähigkeit geprüft haben, welche Zahlen vorlagen und welchen fachlichen Rat Sie eingeholt haben. Prüfen Sie Zahlungen in der Krise einzeln und lassen Sie sich beraten. Ob Ihre D&O-Versicherung sich auf den Wissentlichkeitsausschluss berufen kann, entscheidet sich oft an Ihrer Dokumentation.
Ein Planungsbüro wird insolvent. Der Insolvenzverwalter verlangt vom Geschäftsführer 300.000 Euro für Zahlungen nach Eintritt der Zahlungsunfähigkeit. Der Versicherer lehnt ab: Der Geschäftsführer habe die Insolvenzantragspflicht als Kardinalpflicht gekannt und verletzt, also habe er auch die Zahlungen wissentlich geleistet.
Haftungsseite: Der Geschäftsführer muss nach § 15b InsO Zahlungen erstatten, die nicht mit der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsleiters vereinbar waren. Zahlungen im ordnungsgemäßen Geschäftsgang, etwa zur Aufrechterhaltung des Betriebs, können erlaubt sein. Innerhalb der Antragsfrist gilt das aber nur, solange der Geschäftsführer die Sanierung oder den Insolvenzantrag ernsthaft betreibt. Nach Ablauf der Antragsfrist sind Zahlungen in der Regel nicht mehr mit der Sorgfalt eines ordentlichen Geschäftsleiters vereinbar.
Deckungsseite: Nach dem Bundesgerichtshof reicht die Argumentation des Versicherers nicht. Er muss für jede Zahlung beweisen, dass der Geschäftsführer die Insolvenzreife positiv kannte und wusste, dass gerade diese Zahlung verboten war. Für das alte Recht hat der Bundesgerichtshof solche Erstattungsansprüche als versicherten Schadenersatz anerkannt. Für § 15b InsO ist das noch nicht abschließend geklärt, viele Bedingungswerke schließen diese Ansprüche deshalb ausdrücklich ein. Ist der Geschäftsführer an der GmbH beteiligt, ist nach den GDV-Musterbedingungen der Teil des Anspruchs nicht versichert, der seiner Quote entspricht.
Eine elementare Pflicht, deren Kenntnis bei jedem Geschäftsleiter vorausgesetzt wird, etwa die Insolvenzantragspflicht. Ihre Verletzung kann ein Indiz für eine wissentliche Pflichtverletzung sein.
Nein. Im AGB-Recht geht es um wesentliche Vertragspflichten. In der D&O geht es um den Nachweis der Wissentlichkeit.
Die Wissentlichkeit muss sich auf die konkrete Pflicht beziehen. Aus der Verletzung der Antragspflicht folgt nicht automatisch eine wissentliche Verletzung des Zahlungsverbots.
Der Versicherer. Bei Kardinalpflichten kann eine Indizwirkung helfen. Das Organ muss dann Umstände vortragen, die gegen seine Kenntnis sprechen. Die Beweislast bleibt beim Versicherer.
Typisch genannt werden die Insolvenzantragspflicht und die Pflicht zur Abführung von Steuern und Sozialabgaben. Abschließend geklärt ist das nicht.