Versicherungsfall

Definition

Der Versicherungsfall ist das Ereignis, das die Leistungspflicht des Versicherers auslöst. Was genau dieses Ereignis ist, bestimmt nicht das Gesetz, sondern das Bedingungswerk.


Erklärung / Hintergrund

Der Begriff klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Zwischen einem Planungsfehler und der Forderung des Bauherrn können Jahre liegen — und in dieser Zeit kann sich der Versicherer, die Versicherungssumme oder der Deckungsumfang geändert haben. Welcher Vertrag einsteht, entscheidet die Definition des Versicherungsfalls.

Die vier gebräuchlichen Anknüpfungen

  • Verstoßprinzip — maßgeblich ist der Zeitpunkt der Pflichtverletzung. In der Berufshaftpflicht für Planungsbüros der verbreitete Ansatz.
  • Schadenereignisprinzip — maßgeblich ist der Eintritt des Schadens. Üblich in der Betriebshaftpflicht.
  • Manifestationsprinzip — maßgeblich ist die Erkennbarkeit des Schadens.
  • Claims-Made-Prinzip — maßgeblich ist die Erhebung des Anspruchs. Verbreitet bei D&O- und internationalen Deckungen.

Warum der Zeitpunkt so umkämpft ist

Die Beweislast für die Voraussetzungen des Versicherungsfalls — und damit auch für seinen Zeitpunkt — trägt der Versicherungsnehmer. Gerade bei Planungsleistungen lässt sich oft nicht eindeutig festlegen, wann ein Fehler „gesetzt" wurde: beim ersten Entwurf, bei der Ausführungsplanung oder in dem Moment, in dem er nicht mehr korrigiert wurde.

Synonyme: Deckungsfall, Eintritt des Versicherungsfalls.


Praxisrelevanz

Für Ihr Büro wird das Thema beim Versichererwechsel praktisch — und dort entsteht eine Konstellation, die viele nicht auf dem Schirm haben.

Liegt der Verstoßzeitpunkt im Grenzbereich zwischen altem und neuem Vertrag, kann der Vorversicherer argumentieren, der Fehler sei später unterlaufen, und der neue Versicherer, er sei früher passiert. Beide könnten die Deckung mit Hinweis auf den ungeklärten Zeitpunkt ablehnen — obwohl durchgehend Versicherungsschutz bestand, nur eben nicht beim selben Versicherer. Die Beweislast liegt dabei bei Ihnen.

Drei praktische Folgerungen:

  • Dokumentieren Sie Planungsstände mit Datum. Freigaben, Planversionen und Abstimmungen sind im Streitfall das Material, mit dem sich der Verstoßzeitpunkt eingrenzen lässt.
  • Prüfen Sie beim Wechsel, wie das Bedingungswerk mit ungeklärten Verstoßzeitpunkten umgeht. Einzelne Konzepte sehen vor, dass der aktuelle Versicherer zunächst in die Regulierung eintritt und die Zuordnung anschließend geklärt wird. Selbstverständlich ist das nicht.
  • Achten Sie auf lückenlosen Anschluss. Auch ein Tag Lücke kann bei einem unklaren Verstoßzeitpunkt entscheidend werden.

Welches Prinzip Ihre Berufshaftpflichtversicherung zugrunde legt, steht im Bedingungswerk — es ist eine der ersten Fragen, die ein Vergleich beantworten sollte.

Praxisbeispiel

Ein Architekturbüro wechselt zum 1. Januar den Versicherer. Die Entwurfsplanung eines Projekts entstand im Vorjahr, die Ausführungsplanung im neuen Jahr. Drei Jahre später zeigt sich ein Abdichtungsschaden, dessen Ursache in der Detailplanung liegt.

Nun kommt es darauf an, wann der Fehler entstanden ist — im Entwurf oder erst in der Ausführungsplanung. Datierte Planstände und Freigabevermerke können die Frage klären. Fehlen sie, droht die Situation, dass beide Versicherer auf den jeweils anderen verweisen, während das Büro die Beweislast trägt.


FAQ

Was ist der Versicherungsfall?

Das im Vertrag definierte Ereignis, das die Leistungspflicht auslöst. Welches Ereignis das ist, bestimmt das Bedingungswerk.

Welches Prinzip gilt in der Berufshaftpflicht?

Für Planungsbüros ist das Verstoßprinzip verbreitet — maßgeblich ist der Zeitpunkt der Pflichtverletzung. Prüfen sollten Sie es dennoch im eigenen Vertrag.

Wer muss den Zeitpunkt beweisen?

Der Versicherungsnehmer. Er trägt die Beweislast für die Voraussetzungen des Versicherungsfalls.

Was passiert bei einem ungeklärten Verstoßzeitpunkt?

Nach einem Versichererwechsel kann jeder Versicherer auf den anderen verweisen. Einzelne Bedingungswerke sehen Regelungen für diesen Fall vor.

Warum ist das Prinzip beim Vergleich wichtig?

Weil es darüber entscheidet, welcher Vertrag mit welchen Summen und welchem Deckungsumfang für einen Schaden einsteht.


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