Definition
Die Rückwärtsversicherung erstreckt den D&O-Schutz auf Pflichtverletzungen, die vor Vertragsbeginn begangen wurden und bei Abschluss unbekannt waren. Sie ist die notwendige Ergänzung zum Claims-made-Prinzip, weil Ansprüche oft erst Jahre nach dem Fehler erhoben werden.
Erklärung / Hintergrund
In der D&O zählt, wann ein Anspruch erhoben wird. Ein neuer Vertrag müsste deshalb auch Ansprüche abdecken, die auf Fehlern aus der Zeit davor beruhen. Ohne Rückwärtsdeckung wäre ein Geschäftsführer, der schon Jahre im Amt ist, bei Abschluss seiner ersten D&O für seine bisherige Tätigkeit ungeschützt. Rechtlich ist das keine klassische Rückwärtsversicherung im Sinne von § 2 VVG, weil der Versicherungsfall, also die Anspruchserhebung, erst während der Vertragslaufzeit eintritt. Zurück reicht nur der Zeitpunkt der Pflichtverletzung.
Die Rückwärtsdeckung hat eine wichtige Grenze: den Ausschluss bekannter Pflichtverletzungen. Nach den GDV-Musterbedingungen sind Pflichtverletzungen nicht versichert, die die versicherte Person oder der Versicherungsnehmer bei Vertragsschluss kannte. Als bekannt gilt eine Pflichtverletzung schon dann, wenn sie auch nur möglicherweise als fehlerhaft erkannt oder als fehlerhaft bezeichnet wurde. Ein Anspruch muss dafür noch nicht angedroht worden sein. Ergänzend fragt der Versicherer im Fragebogen nach bekannten Umständen.
Die Dauer ist unterschiedlich geregelt. Die GDV-Musterbedingungen sehen keine zeitliche Grenze vor. Manche Verträge decken ebenfalls unbegrenzt zurück, andere nur bis zu einem bestimmten Datum, etwa der Gründung oder dem Erstabschluss. Für Start-ups und Neugründungen ist die Frage weniger wichtig, für Unternehmen, die erstmals eine D&O abschließen, umso mehr.
Das Gegenstück ist die Nachmeldefrist, die Ansprüche nach Vertragsende erfasst. Wer während der Laufzeit von einem möglichen Fehler erfährt, sichert sich die Deckung des laufenden Vertrags über eine Umstandsmeldung. Ein Folgevertrag schließt diesen Umstand dann regelmäßig aus.
Abgrenzung:
- Rückwärtsversicherung vs. Kontinuitätsdatum: Die Rückwärtsversicherung bestimmt, wie weit der Schutz in die Vergangenheit reicht. Das Kontinuitätsdatum ist der Stichtag, vor dem bekannte Umstände und anhängige Verfahren ausgeschlossen bleiben. Was erst danach bekannt wird, bleibt auch beim Wechsel versichert.
- D&O vs. Berufshaftpflicht: In der Berufshaftpflicht nach dem Verstoßprinzip ist eine Rückwärtsversicherung seltener nötig, weil frühere Fehler beim damaligen Versicherer liegen. In der D&O gehört sie zum Kern des Schutzes (Rückwärtsversicherung).
Synonyme: Rückwärtsdeckung, Prior Acts Coverage.
Praxisrelevanz
Schließen Sie eine D&O erstmals ab, achten Sie auf eine möglichst unbegrenzte Rückwärtsdeckung. Beantworten Sie die Fragen nach bekannten Umständen vollständig, denn alles, was Sie dort angeben oder hätten angeben müssen, kann vom Schutz ausgenommen sein. Melden Sie beim Wechsel des Versicherers bekannte Konflikte noch beim bisherigen Vertrag als Umstand. Wie weit die Rückwärtsdeckung Ihrer D&O-Versicherung reicht, steht im Versicherungsschein.
Praxisbeispiel
Ein Planungsbüro schließt nach zehn Jahren erstmals eine D&O mit unbegrenzter Rückwärtsdeckung ab. Zwei Jahre später nimmt die GmbH den Geschäftsführer wegen eines Bürokaufs in Anspruch, der vier Jahre zurückliegt. Bei Vertragsschluss hatte ein Gesellschafter den Kauf bereits in einer Versammlung in Anwesenheit des Geschäftsführers als Fehler bezeichnet.
Haftungsseite: Der Anspruch nach § 43 GmbHG ist nicht verjährt, denn die Frist beträgt fünf Jahre ab Entstehung.
Deckungsseite: Die Rückwärtsdeckung erfasst den Kauf grundsätzlich. Weil der Fehler bei Abschluss aber schon als solcher bezeichnet worden war, gilt er als bekannt. Der Versicherer kann sich auf den Ausschluss berufen.
FAQ
Was ist eine Rückwärtsversicherung?
Eine Erweiterung, die Pflichtverletzungen vor Vertragsbeginn in den Schutz einbezieht, wenn sie bei Abschluss unbekannt waren. Ohne sie wären Ansprüche aus der Zeit vor der ersten D&O nicht versichert.
Wie weit reicht die Rückwärtsdeckung?
Das regelt der Vertrag. Manche Bedingungswerke decken unbegrenzt zurück, andere nur bis zu einem festgelegten Datum.
Was gilt als bekannte Pflichtverletzung?
Nach den Musterbedingungen jede Pflichtverletzung, die Sie oder die Gesellschaft auch nur als möglicherweise fehlerhaft erkannt haben oder die Ihnen gegenüber als fehlerhaft bezeichnet wurde.
Brauche ich bei einem Versichererwechsel eine Rückwärtsdeckung?
In aller Regel ja. Ansprüche, die nach dem Wechsel erhoben werden, fallen grundsätzlich in den neuen Vertrag, auch wenn der Fehler früher lag. Anders ist es bei Sachverhalten, die Sie beim alten Versicherer als Umstand gemeldet haben, und je nach Bedingungen bei Ansprüchen innerhalb einer Nachmeldefrist des alten Vertrags.
Gilt die Rückwärtsdeckung auch für ehemalige Geschäftsführer?
Ja, wenn sie als versicherte Personen erfasst sind und der Anspruch während der Laufzeit des neuen Vertrags erhoben wird.
Verwandte Begriffe
- Claims-made-Prinzip – warum die Rückwärtsdeckung nötig ist.
- Kontinuitätsdatum – der Stichtag beim Versichererwechsel.
- D&O-Fragebogen und vorvertragliche Anzeigepflicht – wo bekannte Umstände angegeben werden.
- Versicherungsfall – der Auslöser, für den die Rückwärtsdeckung gilt.
- Kündigung und Versichererwechsel in der D&O-Versicherung – wann die Rückwärtsdeckung besonders wichtig ist.
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